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Veröffentlichung in
Medizinisch-Pädagogische Konferenz
Rundbrief für in der Waldorfpädagogik tätige Ärzte, Erzieher, Lehrer, Eltern und Therapeuten
Heft 84/Mai 2018:



Chancen der frühen Kindheit
Die Arbeit mit Pflege- und Adoptivkindern im ersten Lebensjahr
Claudia Schüler
 
 
Leider werden viele Kinder geboren, ohne die Voraussetzungen für ein natürliches, gesundes Heranwachsen vorzufinden. Bereits im Mutterleib waren sie Drogen, Nikotin und Alkohol ausgesetzt oder haben Missbrauch und Gewalt  miterlebt. Oft mussten sie Vernachlässigung oder Misshandlungen am eigenen,  kleinen Körper erleben. Meistens endet das frühkindliche Trauma mit einer Inobhutnahme durch das Jugendamt. Und obwohl sie jetzt, das Kindeswohl per Gesetz geschützt, in Sicherheit sind, haben sie doch auf einen Schlag alles verloren, was ihnen bisher vertraut war. Egal wie schlecht – dass, was bisher war, war ihr ganzes Universum. Mit der notwendig gewordenen Herausnahme aus der leiblichen Familie ist jedoch für den Säugling primär dieses Universum untergegangen.
 
Zurück bleiben Angst und Ohnmacht
Das, was das Kind als Todesangst erlebt hat, muss unbedingt umgewandelt werden, sonst entwickelt das Kind aus seiner emotionalen Not heraus Verhaltensmuster (Überlebensstrategien), die im späteren Entwicklungsverlauf hoch problematisch werden können. Vertane Chancen sind kaum aufzuholen. Wenn es gelingt, schon im ersten Lebensjahr durch einen ganz bewusst heilend gestalteten Umgang  dem Trauma entgegenzuwirken, kann das Vertrauen wieder wachsen.
Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich muss  nicht nur zu hundert Prozent die Rolle der Mutter übernehmen, sondern bin gleichzeitig mit dem immensen Schmerz des Kindes über den Verlust der leiblichen Mutter konfrontiert.  Wer das Schreien dieser Kinder gehört hat, weiß, was Verzweiflung ist. Ab dem ersten Moment, wo das Kind in meiner Obhut ist, beginnt eine intensive Arbeit. Vielleicht gelingt es mir, mit diesem Aufsatz einen kleinen Einblick in diese Welt zu gewähren.
 
Die bindungsbasierte, bedürfnisorientierte Fürsorge
Die erste Zeit nach einer Aufnahme ist vollkommen chaotisch. Emotional aufgewühlt und zutiefst erschüttert kommen diese Kinder bei mir an. Jetzt ist meine Haltung ausschlaggebend um trotz aller Fremdheit und Vorgeschichte sofort in eine direkte Beziehung zu dem kleinen Wesen zu treten. Ich muss all das in verstärkter Form zur Verfügung stellen, was das Kind bisher entbehrt hat und  intensiv herbeisehnt. Jetzt geht es darum, in eindeutiger, unmissverständlicher und bedingungsloser Art, sich diesem Schicksal hinzugeben, es durch seinen individuellen Prozess zu begleiten.
„Liebes Kind, ich bin jetzt da, ganz und gar, nur für dich. Ich sorge dafür, dass du hier sicher bist, dass du alles bekommst, was du brauchst. Ich achte darauf dass du dir alle Zeit nehmen kannst, damit du in dieser neuen Situation ankommen kannst. Ich weiß, was du gerade durchmachst und du darfst mir alles entgegenschleudern, was dich quält. Ich halte es aus und nehme dir nichts übel. Du darfst dir von meiner Liebe so viel nehmen wie du brauchst. Wir gehen den Weg gemeinsam, du bist nicht allein. Wisse, dass du  geliebt und willkommen bist.“
Ich verbringe viel Zeit damit, das weinende Kind in den Armen zu wiegen, es zu streicheln und ihm zuzuhören. Leises Singen tut gut. Es muss sich von großem Kummer befreien und das tut es altersgemäß über Schreien. In dieser Zeit geht es nicht darum, das Kind zum Schweigen zu bringen, sondern seinen Schmerz mitzutragen und es fühlen zu lassen, es ist nicht allein. Es ist in dieser Situation nicht angemessen das Kind ins Tragetuch zu binden, in dem Glauben, die körperliche Nähe würde den Schmerz kompensieren. Es muss gehalten werden, ja, aber gleichzeitig frei in seinen Bewegungen und in seinem Ausdruck sein dürfen. Es braucht unbedingt den Blickkontakt zu mir und – vor allem – meine Aufmerksamkeit, die diesem Moment gewidmet ist und nicht durch andere Tätigkeiten  wie Zwiebeln schneiden abgelenkt wird.
Die primäre Fürsorge liegt anfangs ausschließlich bei mir um ohne Umwege eine sichere Bindungsbeziehung aufzubauen. Mein Mann leistet hervorragende Arbeit im Hintergrund und arbeitet mir zu. Es ist wie eine zweite Geburt, wenn so ein Kind emotional langsam ankommt.
 
Vorgeburtliche Prägungen fordern besondere Achtsamkeit in der täglichen Fürsorge
Säuglinge, die im Mutterleib Substanzmissbrauch erlebt haben, sind schon intrauterin an dysfunktionale Regulierungsschemata gewöhnt. Damit sich diese Struktur nicht  wieder in ihrem eigenen Leben realisiert, muss ich ein neues Beruhigungsmuster etablieren mit dem Ziel, dass  die Regulierung  nicht über fremde Substanzen bzw. ein Ersatzobjekt erfolgt. Es ist heute üblich, einem Säugling zur Beruhigung einen Schnuller zu geben. Dieser sollte in unserem Fall nicht angeboten werden. Die Idee, Beruhigung käme von außen, würde das mütterlich vererbte Muster extrinsischer Erregungshemmung aktivieren.
Vor allem im ersten Lebenshalbjahr kann ich die natürliche symbiotische Phase, in der sich der Säugling befindet, dazu nutzen, um ihm mein eigenes, funktionierendes Regulationsmuster zur Verfügung zu stellen, damit es sich bei ihm verinnerlicht.
 
Die Nahrungsaufnahme ist ein interaktiver Prozess
Füttern ist in erster Linie eine Antwort auf das Bedürfnis Hunger und kein orales Beruhigungsangebot. Leider haben viele Kinder erlebt, dass weder ihr Hungergefühl, noch das Bedürfnis nach Beruhigung ausreichend gestillt wurden oder, schlimmer noch, sie wurden gar missbräuchlich behandelt.
In ungeteilter Zugewandheit (Ruhe, körperliche Nähe, Blickkontakt und viel Geduld!) widmen wir uns dem Kind.
 „Trink dich satt, liebes Kind, es ist immer genug für dich da. Du bestimmst, wieviel du brauchst und wieviel Zeit du für diese Mahlzeit benötigst. Du musst keinerlei Mangel leiden. Das, was da jetzt zu dir kommt, ist gut und richtig.“
 Da wir als nicht leibliche Mutter nur Flaschennahrung verabreichen können, müssen wir das ätherische Feld einer stillenden Mutter quasi bewusst erzeugen und sind in unserer Aufmerksamkeit ungeteilt beim Kind.
Wichtig ist dabei, die kindlichen Signale gut wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Der Säugling muss erleben dürfen, dass er in der Lage ist zu äußern, ob er satt ist, ob er mehr braucht,  ob er langsamer oder schneller trinken möchte. Er muss merken, dass seine Signale verstanden werden und man umgehend darauf reagiert. Bei dieser Gelegenheit  lernt er sich selbst  und seine Bedürfnisse kennen. Je mehr sich der Säugling selbstwirksam erlebt, umso mehr steuern wir dem früh erlebten Ohnmachtsgefühl entgegen. Da wir ca. 5 -  6 Mal am Tag füttern, haben wir ausreichend Gelegenheit  hier therapeutisch wirksam zu sein!
 
Um die kindlichen Bedürfnisse wissen, sie erkennen und angemessen darauf reagieren
Das emotionale Auffangen der kindlichen Seele ist der erste und wesentliche Schritt. Dennoch lebt das Kind nicht nur in meinem Arm und will durchgehend getröstet werden, sondern es hat auch all die kindlichen Bedürfnisse nach gedeihen, bewegen, wachsen - wie jedes andere Kind auch. Über einen bewusst eingerichteten und eingehaltenen Rhythmus können wir die Ätherkräfte des Kindes wirksam ordnen. Auch wenn der Rahmen manch Außenstehendem eng erscheinen mag, ist es für ein Kind, das den Abgrund erlebt hat, sicherheitsgebender Halt.
 
Mit Kindern, die frisch hier ankommen, ist das Leben ein einziges Chaos
Struktur in dieses Chaos zu bringen ist eine echte Herausforderung. Die Sicherheit, die sie brauchen, kann nur nachvollzogen werden, wenn der Tag in seinen inhaltlichen Abläufen  an den dafür bestimmten Orten für den Säugling klar strukturiert und nachvollziehbar ist. Dieser Rhythmus orientiert sich in der Abfolge an den tatsächlichen Bedürfnissen eines Säuglings, nicht an einer zeitlichen Struktur. Er schwingt  ausgewogen  zwischen Nähe und Distanz, Hunger und Sättigung, bewegt werden und sich selber bewegen, Impulse aufnehmen und verarbeiten… ein guter Rhythmus führt das Kind zuverlässig zwischen Wohlsein und Unwohlsein immer wieder durch seine Mitte. Dabei wird der Lebenssinn gestärkt.
Wo anfangen?
Ich beginne mit dem Etablieren eines guten Schlafrhythmus.
Kinder mit traumatischen Erlebnissen kommen meist mit Schlafstörungen. Sie schlafen kaum, kurz und unregelmäßig. Der Schlaf muss als eine wunderbare, erstrebenswerte und erholsame Situation gelernt werden. Dazu muss der Schlafplatz  hinsichtlich Reizfreiheit, Haptik, Licht, Ruhe und Wärme besonders sorgfältig ausgewählt und vorbereitet sein.  Damit dieser Ort in seiner Funktion schnellstmöglich verinnerlicht wird, lege ich das  Kind zum Schlafen immer in die Wiege - nie woanders. Ohne Ausnahme. Es hat sich bewiesen, je konsequenter ich mich daran halte, desto schneller gelingt es dem Kind, den Schlafplatz als vertrauensvollen Ort wiederzuerkennen. Die Vorhersehbarkeit und die Wiederholung, die jedem Kind im ersten Jahrsiebt Orientierung verleihen, wirken bei unsicheren Kindern sogar therapeutisch.
 
Einschlafhilfen
Je nachdem wie stark die primären Reflexe ausgeprägt sind und den Einschlafprozess stören, oder gar eine Spastik das Kind quält, können Pucktücher, streng gewickelt,  auf tiefensensibler Ebene zusätzlich Halt geben. Ansonsten nehme ich Abstand von künstlichen Einschlafhilfen wie z.B. Schnuller. Ich verzichte auf Spieluhren und bleibe bis zum Schluss in direktem Kontakt mit dem Kind: Ich stehe an der Wiege, halte das Kind waagrecht in meiner Armbeuge, blicke ihm in die Augen und singe ihm leise sein Wiegenlied, bevor ich es in die Wiege lege.  Dann übergebe ich an die geistige Welt.
Das Loslassen ist für ein Kind, das schon einmal alles verloren hat, schwierig, deshalb muss die Schlafsituation sehr bewusst begleitet werden. Auch hier liegt mein Augenmerk darauf, dass das Kind lernt, aus eigener Kraft diesen Prozess zu bewältigen. Ich unterstütze es darin diesen Schritt selbständig zu vollziehen, ohne sich von äußeren Hilfen abhängig zu machen.
 
 „Wie schön, dass Du da bist“
Wenn es ums Schlafen geht,  konzentrieren wir uns meist auf das Einschlafen, aber das Aufwachen ist mindestens ebenso wichtig. Wenn das Kind nach jedem Aufwachen wiederholt freudig willkommen geheißen wird, so kann es gar nicht anders als zu merken, dass es durch den Schlaf  nichts verlieren kann. Wiederum ist meine Haltung ausschlaggebend.
 „Ich habe keinerlei Zweifel, dass dies jetzt das Schönste ist, was dir passieren kann, nämlich in deinem Bettchen zu schlafen. Und wenn du wieder aufgewacht bist, bin ich da und ich freue mich auf dich.“
 
Die Nähe, die wir unserem Kind geben, muss unmissverständlich sein
Beim Füttern liegt es in unserem Arm, nicht in einer Wippe. Beim Pflegen hantieren wir achtsam und laden das Kind zum Mittun ein. Beim Trösten nehmen wir uns Zeit. Jedes Kind – aber das verletzte Kind im Besonderen – braucht unsere innere Präsenz. Erst wenn Nähe ernsthaft und unmittelbar erlebt wurde, kann sich das Kind der Welt vertrauensvoll zuwenden und diese erkunden. 
 
Auf dem Weg zu sich selbst - Raum schaffen für ungestörtes Experimentieren
Krisengeschüttelte Kinder brauchen jede Gelegenheit um sich in ihrer Selbstwirksamkeit zu erfahren. Die beste Gelegenheit ist die Bewegungsentwicklung des Kindes. Wir erleben, wie sie an den motorischen Herausforderungen wachsen und gedeihen. Ein Kind, das nach langem Üben aus eigener Kraft vom Rücken auf den Bauch gerollt ist und jetzt die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten kann, erlebt Genugtuung. Wenn es dann selber bestimmt, wann es wieder zurückrollt und geschickt in der Ausgangslage ankommt, erlebt es einen Erfolg, der nicht nur seine Psyche stärkt, sondern sein ganzes Wesen formt. Das passiert nicht, wenn wir das Kind sechs Mal am Tag passiv auf den Bauch legen, damit es seine Rückenmuskulatur, bitteschön, stärkt.
 
Die Heranreifung der Psyche braucht viele positive Erlebnisse
Eine Herausforderung zu meistern, etwas aus eigener Kraft erreicht zu haben, die Ausdauer zu haben hin und her zu probieren bis man es geschafft hat usw.  sind derartige positive Erlebnisse. Wissend, dass ein Kind an diesen Aufgaben wächst, sehen wir jede Anstrengung als Chance. Je weniger Hindernisse wir aus dem Weg räumen, umso mehr unterstützen wir das Kind in seiner intrinsischen Motivation. Das Überwinden von Schwierigkeiten und das Erreichen neuer Fähigkeiten prägen sich tief ein und mit jedem Erfolgserlebnis wird auch die (alte) Angst, ausgeliefert zu sein, kleiner. Das Kind sammelt jeden Tag aufs Neue Erfahrungen, die ihm das Gegenteil beweisen. Es ist auf dem allerbesten Weg ein gutes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu entwickeln. Damit wird es Herausforderungen gegenüber unerschrockener und gewinnt Oberhand über das Ohnmachtsgefühl von früher.
 
Es kann sein, dass es dafür viel Zeit braucht
Manch ein Kind tut sich schwer oder ist  zögerlich  in seiner Entwicklung voranzuschreiten. Mein weiser Kinderarzt sagte mir über ein Kind, welches sich einfach nicht aufrichten wollte und das Jungendamt eine ärztliche Untersuchung angeordnet hatte, „denken Sie daran, Frau Schüler, dieses Kind weiß ganz genau, dass, wenn es  einmal läuft, dann muss es seinen Lebensweg unweigerlich weitergehen. Und wir wissen alle, diese Kinder haben keinen leichten Weg vor sich. Lassen wir ihm einfach noch die Zeit bis es dafür bereit ist.“
 
Das, was sich bei einem gesunden Kind wie von selbst entwickelt, ist bei ihnen immer mit erhöhtem Aufwand verbunden.
Und - was bei einem krisengeschüttelten Kind leider nicht passiert, ist, dass sich Schwierigkeiten „einfach auswachsen“,  wenn wir nur so tun als ob nichts wäre.  Man muss diese speziellen Kinder in ihren Tendenzen sehr gut beobachten und  problematische Gewohnheiten vorhersehen und effektiv abwenden. Je früher umso besser. Mit ihren Erfahrungen im Gepäck ist der Weg, der vor ihnen liegt, nicht unbeschwerlich. Sie brauchen vorausschauende aber zuversichtliche Erwachsene an ihrer Seite, die diese Kinder in ihre Kraft  führen können. Mehr noch als bei gesunden Kindern.
Und schließlich müssen wir uns, bei allem Engagement und Liebe, immer wieder vor Augen halten, dass wir nicht wissen mit welchem Ziel sich diese Kinder hier eingeschwungen haben. Es bleibt offen, welchen Weg sie in letzter Konsequenz wählen zu gehen. Wir können als Wegbereiter nur versuchen alles dafür zu tun, dass aus ihnen selbstbewusste, motivierte und starke Persönlichkeiten werden. Dafür werden sie uns dankbar sein.


 
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